Julia Hoch

Termine pink markiert. Oder neongelb.

Wie effiziente Zeiteinteilung in den Wahnsinn treibt.

„Ich habe leider keine Zeit.“
Diesen Satz sagt vermutlich jeder von uns mehrere Male am Tag. Zum Kind, zur Partnerin, zum Partner, zur Nachbarin, zum Hamster, zum Gummibaum.
Diese Schwierigkeit hat der findige Marktfuchs nicht erst gestern entdeckt. Die Kassen klingeln. Massenhaft Zeitmanagement-Ratgeber, Onlinekurse, Podcasts oder Apps wollen uns Hilfestellung anbieten, um unsere ganz persönliche Produktivität, unsere einzigartige Effizienz steigern zu können. Hol das Beste aus dir raus, in kürzester Zeit. Beeindrucke deinen Chef mit Schnelligkeit. Schaffe mehr in der gleichen Zeit und alle werden staunen. Ergänzend findet man Unmengen von Sachbüchern, Onlinekursen, Podcasts und Apps, die helfen sollen, Zeit für sich selber zu generieren. Mal wieder an sich zu denken. 5 Minuten für mich, 6 Minuten für mein Tagebuch, 7 Minuten Quality-Time, 10 Minuten-Power-Meditation, oder wie sie nicht auch alle heißen oder heißen könnten.

Teile dir deine Zeit also gut ein, sinnvoll, sei effizient, dann kannst du dir zehn Minuten lang Affirmationen auf die Ohren setzen. Weil du deine Entspannung selber nicht mehr auf die Kette bekommst. Und dann fühl dich gefälligst gut. Und wenn nicht, dann nimm dir doch nochmal das Five-Minute-Power-Selfawareness-Dating mit dir selbst, um dir eben in diesen fünf Minuten zu erklären, dass es in Ordnung ist, sich nicht gut zu fühlen. Aber eben nur fünf Minuten. Für mehr ist keine Zeit. Problem loslassen. Ausatmen. Weitermachen. Dann geht’s zum Essen. Wichtig ist es, zu einer bestimmten Uhrzeit zu essen, aber auch nur etwas ganz bestimmtes. Man stelle sich nur vor, dass gar nach 18 Uhr eine Mahlzeit eingenommen würde und dann sogar noch Kohlenhydrate. Pah. Das klaut einem womöglich fünfzehn Minuten des Nachtschlafes. Dann haste den Salat. Am nächsten Morgen dann ein ungeheuerlicher Druck, ein monströs schlechtes Gewissen, wenn man die Morgenroutine verpennt. Wenn man es im Winter nicht schafft, morgens um 5.30 Uhr Yoga zu machen, sondern der Körper sich einfach so, wie kann das nur passieren, eine Stunde mehr klaut als im Sommer.

Selbst Kinder verabreden sich heute oft über das Handy der Eltern oder das eigene (das ist ein ganz eigenes Diskussionsthema) zu einem minutiös festgelegten Zeitpunkt. Fritz kommt dann um 16.45 Uhr zu Jan, wird aber um 17.50 Uhr wieder abgeholt, weil danach noch Klavierunterricht stattfindet. Um 18.15 Uhr ist dann Unterricht, der dauert donnerstags aber nur bis 18.45 Uhr und um 19.15 Uhr gibt es dann Abendbrot. Das muss nach zwanzig Minuten abgeschlossen sein, damit um 19.45 Uhr die Meerschweine gefüttert werden können, um 19.50 Uhr die Zähne für 150 Sekunden geputzt, das Gesicht für 10 Sekunden gewaschen, spätestens um 20.00 Uhr gelesen, 20.14 Uhr Nachtkuss, 20.27 Uhr einschlafen, weil sonst das Aufstehen um 6.39 Uhr am nächsten Morgen nicht klappt. Selbst das Lesen einer solchen Abfolge treibt uns doch den Schweiß auf die Stirn und die Luft aus der Lunge. Und die wenigsten schaffen es, aus dieser Taktung dauerhaft auszubrechen. Zwar ist die Armbanduhr für viele Menschen nur noch schmückendes Accessoire, dafür hat das Handy, das Smartphone die Steuerung übernommen. Listen klingeln zu festgelegten Uhrzeiten, an festgelegten Tagen, damit man auch nichts vergisst. Wann werden wir soweit sein, dass die Optimierung sogar den Sekundenzeiger beherrscht? Sobald etwas Unvorhergesehenes eintritt, bricht das System in sich zusammen. Dem kann man allerdings entgegenwirken, sagt der weise, allwissende Ratgeberguru, indem man Pufferminuten eingeplant. Pink markiert. Oder neongelb. Auswahl muss sein. Benötigt man diese nicht, so gibt es, jippieh, fünf Minuten mehr Meditation oder PowerTalk. Wonderful.

Krankheiten sollen ebenso nach einem bestimmten Zeitraum wieder vorüber sein. Schema F. Den Krankenschein für einen grippalen Infekt gibt es für fünf Tage, egal ob jemand nach drei Tagen wieder gesund ist oder eigentlich erst nach zehn. Der Durchschnittszeitraum sagt dir also, ob du noch krank oder bereits wieder gesund sein sollst. Pass dich gefälligst an.
Zeitmessung suggeriert jedoch Objektivität, wo keine ist. Ein formales Gebilde ohne Inhalt. Ein Gejagtsein von einer gesellschaftlichen Konvention, die eigentlich jeden in den Wahnsinn treibt.
Natürlich ist es notwendig zeitliche Absprachen zu tätigen und einzuhalten. Aber die Jagd nach Minuten und Sekunden, die Ungeduld mit sich selber und anderen, das ansteigende Tempo des Alltags treiben uns kontinuierlich in den psychischen und physischen Abgrund.