Julia Hoch

Inszenierung und improvisatorische Interaktion

Jack White in Dortmund 2018

Der Charme des alten Industriegeländes
rund um die Warsteiner Music Hall wird von der strahlenden, eigentlich viel zu warmen Oktobersonne beinahe ins grotesk Romantische getrieben. Noch einmal wird der Fotoauslöser gedrückt. So ein schönes Bild aber auch. Dann verschwindet das Handy in einer kleine, aber dicken Polstertasche und die Konzertgäste nach und nach im Vorraum der Halle. Die Atmosphäre des Veranstaltungsraums wirkt während des Eintretens nahezu perfekt – Beleuchtung, Backsteinwände, riesige Stahlträger, hübsche Theken – jedoch staut sich die Hitze jetzt schon. An den Menschen ist schnell ein heute selten auszumachendes Phänomen zu erleben: Sie unterhalten sich ohne zwischendurch aufs Handy zu starren oder Selfies zu machen. Die Konzentration gilt dem Gegenüber, dem Getränk und dem Geschehen auf der Bühne.

Als die Band „Gewalt“ ihren Auftritt beginnt, wird die polarisierende Wirkung ihres Auftrittes unmittelbar spürbar. Ein Abtauchen in die digitale Welt ist unmöglich, zu entkommen ist dem Frontmann, der Bassistin und der Gitarristin nur durch das Verlassen der Halle. Man wird aufgerüttelt, in seiner Eingefahrenheit angekratzt, man muss sich unweigerlich die Frage stellen, wie mit dieser Performance umzugehen ist. Betrachtet man sie als theatralische Inszenierung oder als eine Form von Aktionskunst, koppelt sie von der Erwartungshaltung ab, die man als BesucherIn eines Konzerts unweigerlich in den Raum hineinträgt, so kann man der Sache tatsächlich Inspiratives und Kathartisches abgewinnen. Trotzdem ist in der Halle ein lautes Aufatmen zu hören als die Band abtritt. Eine Heerschar von Crewmitgliedern enthüllt die Instrumente und Verstärker für Jack Whites Show. Der goldene überzug der Bass Drum wird poliert, ein Dreiermikrofonständer in der Mitte der Bühne positioniert, Gitarre um Gitarre um Gitarre auf die Ständer verteilt. Jedes einzelne Detail scheint perfekt sein zu müssen.

Die Bühne wird noch einmal kräftig in Nebel getaucht, die blauen und weißen Scheinwerfer in Stellung gebracht und das Intro eingeschaltet. Die Bandmitglieder betreten die Bühne, schaffen Jack White einen geladenen Auftritt. Kein Smartphone wird gezückt. Die Menge ist präzise auf den Künstler konzentriert. Klatschen und Jubeln. Ohne Setlist, so erzählte man sich im Voraus, spielt er seine Songs, ganz nah abgestimmt mit seinen Bandkollegen und insbesondere der Kollegin, die am Schlagzeug eine außergewöhnliche Kraft ausstrahlt. Ohnehin versprüht jeder einzelne Musiker seine komplette Hingabe zu seinem Instrument, zur Musikkunst. Zwischenzeitlich fühlt man sich in ein Dazwischen gelagert, zwischen Jazzimprovisation und klassischem Orchester, eingepackt im kräftig-wohligen Rock’n’Roll-Kleid. White zeigt in eigener Manier und Attitüde, was es heißen kann, ein Künstler zu sein. Ohne ein Talent zum Entertainertum, er spricht das Publikum kaum an, wendet ihm ständig den Rücken zu, zieht er trotzdem das Publikum kontinuierlich in seinen Bann. Nach einer kurzen Pause steigert er dramaturgisch die Spannung bis er am Ende mit seinem bekanntesten Song aus „White Stripes“ Zeiten „Seven Nation Army“ den Saal vollends zum Kochen bringt. Als er schließlich triumphierend seine Gitarre senkrecht in die Höhe streckt, explodieren Applaus und Jubelrufe. Jack White lächelt. Er wirkt verblüfft, erstaunt, geplättet von dem außerordentlichen Zuspruch, den er erhält. Lauter hätte dieser kaum sein können. Danke Jack White, danke für diese gelungene Orchestrierung von Leben, Hören, Sehen und Fühlen eines Konzertes.