Julia Hoch

Persönlich

Ein kranker Kompass und chronischer Schnupfen

Das Schreiben kam retour. Wie ein chronischer Schnupfen, schlüpfte diese Kunst immer wieder zurück in meinen Kopf. Wahrnehmen, um zu erzählen, zu schreiben. Wie ein Kompass, der die Nadel beharrlich in die eine Richtung zurückzwingt. Über viele Jahre hinweg schlug ich andere Wege ein. Der Kompass musste kaputt sein, krank. Autorin war doch schließlich kein Beruf. Suche dir gefälligst was Bodenständiges. Kaufmännisch ist solide oder Lehramt! Der Schnupfen kroch empor, der Kompass blieb stur. Die Richtung wies erneut zum Horizont, zum einsamen, zerklüfteten Eiland der Schriftstellerei.

Während meiner zweiten Schwangerschaft fiel ich durchs System. Ein Wendepunkt. Schon wieder. Die Lehramtsstudiengänge wurden umgestellt. Einen dicker werdenden Bauch schob ich voran, und ein zuckersüßes, aber sehr lebhaftes Kleinkind hielt ich an der Hand. In einem frischen Neubau mit überbrückenden Provisorien innen wie außen und ohne finanziellen Spielraum, denn alles steckte jetzt in unserem taubenblauen Haus. Dieses Studium sei jetzt abzuschließen. Jetzt. Oder umschreiben zu lassen. Jetzt. Mit starken Abstrichen sei jedoch zu rechnen. So sei es halt. Jetzt. Oder nie.
In dieser Situation hieß die Devise: vielleicht ein andermal. Oder nie. Exmatrikulation. Tschüss Festland. Der Kompass wies zur Insel.

Nach einer unerwartet komplizierten Geburt war ich erstmal froh über den Raum. Es folgten viele Wochen des Aufrappelns und Aufpäppelns, des Aufziehens der Zeit mit zwei schlaflosen Zwergen.
So konnte es nicht aber bleiben. Mein Kopf brauchte Input, Futter, Feuer.
Ich grübelte. Überlegte. Kippte den Kompass hin und her. Immer noch der gleiche Kurs. Jetzt oder nie?
In dieser Situation hieß die Devise: Jetzt! Ja, Studium Nummer drei. So sei es.
Ich packte es also tatsächlich an, Kindheitskritzeleien von Geschichten und Verdichtungen, Basteleien von Büchern und Heftchen zu einem Beruf zu entwickeln. Ich suchte das Wissen direkt in der Tiefe, nicht von obenan. Hinein in Kultur und Literatur. In Wissenschaft. Hinein, ganz tief. Um zum Eiland zu kommen.

...

Zunächst bekam ich nur spärlich Luft, Selbstzweifel pressten mir auf die Brust, die Kinder raubten den Schlaf. Der Mann an meiner Seite befeuerte meine Idee, meinen Weg, meine Richtung. Voran, du kannst das! Vertraue deinem Kompass. Lerne ihm zu folgen.

Ich steuere der eingeschlagenen Nadel hinterher, seit Jahren.
Meine Augen jagen täglich über Buchstaben, Morpheme und Wörter, Sätze und Phrasen, Absätze, Seiten, Hefte, Bücher und Enzyklopädien. Meine Finger flitzen über die Tastatur, der Bleistift wird gespitzt, Papiere gestapelt, Notizen, Berge. Täler. Ich sehe Land.

Wie das Leben verläuft. In Kürze.